Bauten, die verunstaltet und vernachlässigt werden, werden am Ende als «Schandflecke» empfunden: Fort mit ihnen! Aber in ihnen sind manchmal Perlen verborgen. Das hat sich schon beim Haus Gerbestrasse 3 (Delikatessengeschäft Bettio) gezeigt, und das ist auch der Fall des Hauses Zugerstrasse 14, das einst Rosengarten hiess.
Würde dieser älteste und wichtigste Bau der Hirschenkreuzung renoviert und so von seinem Aschenbrödel-Dasein erlöst, bekäme Wädenswil ein dreifaches Geschenk :
Zum Wohle Wädenswils: Modifikation des Grossprojekts Coop-ZKB-Hirschenplatz. Das Haus Rosengarten (Zugerstrasse 14, unten links) wird nicht abgebrochen, sondern erhalten und renoviert. Voraussetzung ist eine Rückbindung und Abtreppung des geplanten ZKB-Blocks. Modell echt3d, Wädenswil.
Wädenswil, Hirschenkreuzung. Ausschnitt Fotografie von Traugott Richard, nach 1870. Rechts der Rosengarten.
Links davon das Haus zur Treu, erb. 1769. Vordergrund: Dach des Hauses zur Sonne. Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee.
Wer den kulturgeschichtlichen Wert eines Gebäudes bestimmen will, muss seine Geschichte kennen. Das gilt insbesondere für «hässliche Entlein» wie das Haus Zugerstrasse 14.
Ein altes Grundprotokoll besagt, dass es schon 1734, also vor fast 300 Jahren, für einen Färber erbaut wurde. Es bestand aus Fachwerk und besass vermutlich ein Giebeldach. In Sichtweite des
Häuschens stand die alte Kirche. 1764–1767 liessen die Wädenswiler an ihrer Stelle einen grossen Neubau mit einem Spitzturm und einem mächtigen Walmdach errichten. Der Bauboom, den dieses
Ereignis auslöste, erfasste auch das bescheidene Färberhäuschen. Ein neuer Eigentümer ersetzte um 1770/90 das Satteldach durch ein modisches Walmdach über einem regelmässig gegliederten
Kniestock: Aus dem Giebelhaus wurde ein barockklassizistischer (Fast-)Würfel. In dieser straffen Form erscheint das Haus in Dorfansichten aus der Zeit um 1800. Damals war es Wohn- und
Arbeitsstätte des Doktors Heinrich Haupt, eines Anhängers der helvetischen Republik.
In den 1820er Jahren fand eine weitere «Verbürgerlichung» des Häuschens statt. Der damalige Eigentümer, ein Hauptmann Blattmann, liess das Fachwerk mit Putz überziehen und taufte die Liegenschaft
«Rosengarten». Tatsächlich war dem Haus Richtung Hirschen ein grosser, ummauerter Garten vorgelagert. Mit dem Bau der unteren Zugerstrasse 1841 wurde dieser reduziert, und 1895 wich das Reststück
einem Zinnenvorbau.
Ab den 1930er Jahren wurde das Haus durch lieblose Umbauten derart verunstaltet, dass es in den 1980er Jahren nicht ins Inventar schützenswerter Bauten aufgenommen wurde. Zu Unrecht, denn das originelle Gebäude wäre ebenso gut renovierbar wie das als unrettbar erachtete Haus Gerbestrasse 3 (Bettio).
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Das Projekt Coop-ZKB von Hotz Partner Architekten, von der Baukommission Wädenswil im Herbst 2023 bewilligt. In der Bildmitte der geplante ZKB-Neubau, flankiert von einem neu anzulegenden, bebaumten «Hirschenplatz». Links das Schutzobjekt Zur Treu (Florhofstrasse 2), ein 1769 erbautes «Züriseehaus» mit einem Nebengebäude. Der mächtige Zugerstrassen-Riegel stärkt die Zugerstrasse-Verkehrsschneise und verbarrikadiert die historische Querverbindung zwischen den Altquartieren beidseits der Strasse.
Modelle echt3d Zürich
Der Änderungsvorschlag des Kunsthistorikers Andreas Hauser, Eigentümer des Hauses Zur Treu (Florhofstrasse 2). Der ZKB-Neubau ist auf die Flucht des bestehenden Baus zurückgenommen und zudem abgetreppt. Das Haus Rosengarten ist erhalten und renoviert, seine Umgebung als Durchgangs-, Aufenthalts- und Grünbereich gestaltet. Der alte Dorfkern gewinnt an Zusammenhalt, der Grosskomplex wird akzeptabel.
Coop und ZKB wollen in Wädenswil einen multifunktionalen Grosskomplex bauen, der als bauliche Dominante des Stadtkerns konzipiert ist. Zuerst war nur ein Poststrassen-Flügel geplant, dann fügten die Entwickler einen langgestreckten Zugerstrassen-Riegel mit einem ZKB-Neubau als Kopf an. Mit diesem Flügel wollte man den Fünfer und das Weggli bekommen: eine nochmalige Erhöhung der Verdichtung und zugleich einen Ausgleich für diese – in Form eines bebaumten Hirschenplatzes. Dieser soll anstelle des der Stadt gehörigen Altbaus «Rosengarten» (Zugerstrasse 14) entstehen. Die Steuerzahler und Steuerzahlerinnen soll der Platz keinen Rappen kosten, denn Abbruch und Platzanlage sollen aus dem Verkaufserlös eines Teils der Rosengarten-Liegenschaft sowie durch «finanzielle Beiträge» der Bauherrschaft finanziert werden.
Der Haken an der Sache
Der geplante ZKB-Neubau darf im Gegenzug sechseinhalb Meter weiter bergwärts vorrücken. Und genau damit sprengt das ohnehin schon überdimensionierte Projekt endgültig die Grenzen des Tragbaren.
Statt zu gewinnen verliert Wädenswil!
Hier die Gründe:
Hirschen-Platz? Ein Un-Platz
Der kleinräumige Strassenstern vor dem alten Gasthof Hirschen wurde einst als Platz empfunden, weil er eine Begegnungszone avant-la-lettre war. Abbrüche und Strassenverbreiterung haben die
Platzqualität der Kreuzung zunichte gemacht. Ein weiterer Abbruch bringt den Platz nicht zurück, sondern vollendet die städtebauliche Verwüstung. Der geplante Hirschenplatz wird trotz Bäumen zu
einem ähnlichen Un-Platz werden wie der Gerbeplatz, befindet er sich doch zwischen einer stark befahrenen Kreuzung und einem Bürogebäude.
Noch ein Alt-Wädenswiler Haus plattgemacht
Mit dem Haus «Rosengarten» (Zugerstrasse 14) zerstört man den ältesten und wichtigsten Bau der Hirschenkreuzung. Als «Schandfleck» wirkt er nur, weil man ihn verhunzt hat. Wie die Visualisierung
zeigt, würde eine Renovation ihn zum Liebling Wädenswils machen.
Aufwertung Haus Zur Treu? Nein: Abwertung
Mit der Entfernung des «Rosengartens» soll, so wird behauptet, das inventarisierte Haus Zur Treu (Florhofstrasse 2) mehr Strahlkraft gewinnen. Aber dieses 1769 erbaute «Züriseehaus» ist nicht auf
Fernwirkung angelegt, es ist, wie viele Bauern-, Handwerker- und Bürgerhäuser, ein bauliches «Familienwesen», das man nicht isolieren sollte. Überdies soll der grossvolumige Bank-Neubau derart
nahe an die «Treu» aufrücken, dass diese erdrückt wird. Das bisher sichtbare hübsche Nebengebäude gerät in den Hinterhof.
Städtebaulicher Verlust: Wädenswil verliert seine Gürtelschnalle
Der grösste Verlust ist aber städtebaulicher Natur. Das Haus Rosengarten verbindet – gleich einer Gürtelschnalle – die vier Quartiere, die das Kleeblatt des Dorfkerns formen. Mit dem Abbruch des
Hauses wird dieses durch den Abbruch des Gasthofes Hirschen bereits beschädigte Gelenk zerstört und damit die historische Querverbindung über die Zugerstrassen-Schneise hinweg endgültig
zerschnitten.
Im Text wird auf die Karten-Nümmerchen (weiss in dunklem Oval) mit roten Zahlen verwiesen.
1 Sakralität, Dorfregierung, Bildung: Grubenmann-Kirche, Alt-Gemeindehaus, Schul-Dörfli
2 Verkehr und Gewerbe: Gerber, Schmiede, Textilfabrikanten
3 Stadtrat und Verwaltung: Stadthaus in Fabrik-Schloss, Bauamt in Villa
4 Türgass-Hirschenquartier: Barocke Riegelhäuser, postmoderne Einkaufs-Meile
Und nun kommen wir zum Verkehrs-Herzen Wädenswils – und zur Frage, was die von Stadt und ZKB geplante Operation für Folgen hätte.
5 Gürtelschnalle
Mit dem bergwärts vorrückenden ZKB-Neubau und erneuten Abrissen würde diese verfehlte Abtrennungspolitik fortgeschrieben. Stattdessen gälte es, die Querverbindungs-Gürtelschnalle zu stärken!
Revitalisierte «Gürtelschnalle» Wädenswils: Zurückgenommener und abgestufter ZKB-Neubau, erhaltenes und renoviertes Haus Rosengarten (Zugerstrasse 14). Durch Reduktion des Vorbaus ist Platz für eine Fussgängerpassage und einen kleinen Rosengarten gewonnen.
Obwohl das Projekt Coop-ZKB sich wie ein Elefant im dörflichen Porzellanladen ausnimmt, kam es im kommunalen Parlament sehr gut an. Dies, weil es sich als Muster für INNENVERDICHTUNG präsentierte. Einzig mit diesem Verfahren könnten, so ein breiter Konsens, Zersiedelung, Landschaftszerstörung, überbordender Autoverkehr, Klimaerwärmung und Wohnungsnot wirksam bekämpft werden.
Gerade am Wädenswiler Zentrumsprojekt zeigt sich aber, dass das Wunderheilmittel VERDICHTUNG meist nicht hält, was es verspricht.
Verbrauch von grauer Energie
Vermehrung von Autoverkehr
Verdrängung von preiswertem Wohnraum
Wie meist bei VERDICHTUNGS-Vorhaben geht es also weniger um hehre Ideale als um Gewinn-Optimierung. Damit liesse sich leben, wenn das Wirtschaftsleben angekurbelt und ein städtebaulicher Mehrwert
geschaffen würde. Das erste mag zutreffen, das zweite nicht. Der als Kompensation für das Betongebirge geplante «Hirschenplatz» liefert nichts Brauchbares, zerstört aber Wertvolles. Also:
Bankgebäude zurückbinden und Rosengarten erhalten! Der Gewinn wäre fünffach:
Neugeburt eines wertvollen Alt-Kleinbaus
Erhalt einer alten Baugruppe
Kreation eines kleinen, aber feinen Dorfplatzes
Reparatur einer städtebaulichen Gürtelschnalle
Aufwertung des Neubaus Coop-ZKB
Helfen Sie uns diese Perle in der Mitte von Wädenswil zu erhalten – unterschreiben Sie die Petition!